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Seit undenklichen Zeiten bewohnt das
Volk der Sámi die so genannte Nordkalotte, also die nördlichen Gebiete
Skandinaviens und der russischen Kola-Halbinsel. In Ihrer eigenen Sprache
bezeichnet sich die Bevölkerung als Sapmelas. Die früher übliche Benennung als
Lappen empfindet sie als abwertend, weshalb und im offiziellen Sprachgebrauch
der Begriff heute durch Sámi (oder Samen bzw. Saamen) ersetzt wird.
Wenn das
Attribut rätselhaft für ein Volk in Europa zutreffend ist, dann für die Sámi.
Denn obwohl sich Forscher verschiedener Disziplinen jahrzehntelang mit dem
Thema beschäftigten, gibt es immer noch offene Fragen bezüglich ihrer Herkunft
oder ethnischen Einordnung. Ein häufig in der Literatur vertretene Auffassung
geht davon aus, dass die Sámi als uralte Jäger- und Fischerbevölkerung schon
vor rund 12000 Jahren im nördlichen Eurasien lebten und sich in späterer Zeit
mit anderen Völkern vermischten. Als Jäger folgten sie den Rentierherden in
verschiedenen Etappen von Osten her nach Finnland, an die Eismeerküste und ins
fenoskandische Inland. Noch nach der Zeitenwende lebte dieses Volk aber
keineswegs nur im hohen Norden. Erst das Zusammentreffen mit einwandernden
finnougrischen und nordgermanischen Stämmen in Süd- und Mittelskandinavien
verkleinerte schrittweise ihren Lebensraum. Spätestens seit der Wikingerzeit
hielten sich die Sámi nicht mehr in Südwestfinnland auf, aber immerhin noch bis
ins 14. Jh. am Ladoga-See und im südlichen Ostfinnland waren sie sogar noch im
17. Jh. anzutreffen.
Linguisten
konnten nachweisen, dass sich die finnische und die Sámi-Sprache aus einem
gemeinsamen Stammbaum entwickelt haben. Die Sámi sprechen also finnougrisch,
obwohl sie kein finnougrisches Volk sind. Einige Forscher vermuten, dass die
von allen Sámi-Stämmen ausgeübte Pelztierjagd und der sich daraus entwickelnde
Handel mit den Finnen eine gemeinsame Verständigung notwendig machte und die
Sámi nach und nach die Sprache des benachbarten, kulturell überlegenen Volkes
annahmen. Wahrscheinlich war diese Aneignung um etwa 600 n. Chr. Abgeschlossen.
Da über 1300 Jahre Sprachgeschichte dazwischen liegen, können sich die beiden
Völker heute allerdings nicht mehr verständigen. Genau genommen gibt es ohnehin
nicht die Sámi-Sprache, sondern analog zu unterschiedlichen Volksstämmen wie
den Inari- oder Skoltsámi mindestens
drei stark unterschiedliche Dialekte. Am stärksten vertreten ist der nördliche
Dialekt, der von rund 70 % der Bevölkerung und auch von Sámi-Gruppen in
Nordschweden und Nordnorwegen gesprochen wird. Schätzungen zur Anzahl der Sámi
sind schwierig, da die statistischen Methoden der Staaten Norwegen, Schweden,
Finnland und Russland zur Erfassung nicht einheitlich sind, sie schwanken in
der Literatur zwischen 50 000 und 70 000. In Norwegen geht man von einer
Bevölkerungszahl von bis zu 45 000 Sámi aus, auf rund 15 000 schätzt man ihre
Zahl in Nordschweden und die finnische Statistik geht von etwa 6500 Sámi
innerhalb der Landesgrenzen aus.
Zu ihren
besser bewaffneten und organisierten Nachbarn gerieten die Sámi früh in ein
Abhängigkeitsverhältnis. Wikingerhäuptlinge und norwegische Könige entwickelten
aus dem Tauschhandel eine erpresserische und lukrative Besteuerung der Sámi, an
der bald auch die Schweden, Finnen und die Russen partizipierten. Da im
Mittelalter und in der frühen Neuzeit die Staatsgrenzen im Norden nicht
festgelegt waren, hatten die Sámi bisweilen an drei verschiedenen Ländern
Steuern zu entrichten. Zeitgleich zu der ökonomischen Knebelung gingen
christliche Missionare auch an die vehemente Bekämpfung der kulturellen
Grundlagen. Ihre Angriffe richten sich gegen die Naturreligion der Sámi, in der
Schamanismus und Bärenkult eine bedeutende Rolle spielten.
Im modernen
Wohlfahrtsstaat Finnland hat der Druck auf den Lebens- und Wirtschaftsraum der
Sámi deutlich zugenommen. Die bis weit ins 20. Jh. bestimmende Wirtschaftsform
war die Rentierzucht, die sich ab dem Mittelalter allmählich aus der
Rentierjagd entwickelt hatte. Durch Straßenbau, Land- und Forstwirtschaft,
Ausbau der Wasserkraftwerke und militärische Interessen sind die Weideflächen
für die Rentierzucht zusehends geschrumpft. Von diesem Gewerbe, z. T. ergänzt
durch Fischen, Jagen und Beerensammeln, leben heutzutage immer noch etwa 40 %
der Sámi, genauso viele verdienen ihren Lebensunterhalt auf dem
Dienstleistungssektor. Auch die Herstellung traditioneller Handarbeiten
(duodji) und der Fremdenverkehr sind für viele Sámi mehr als nur Zubrot.
Immerhin
haben die Sámi nach Jahrhunderten der Diskriminierung und Unterdrückung zum Mindestens
auf kultureller und politischer Ebene Fortschritte erzielen können. In Finnland
wählen sie aus ihrer Mitte seit 1973 alle vier Jahre das Sámi Parlamenta, das
in Inari zusammentrifft. Doch dieses Organ ist kein echtes Parlament, da die
zwanzig gewählten Vertreter nur Empfehlungen aussprechen und die Einhaltung von
Sámi-Rechten im normalen gesetzlichen Rahmen überwachen können. Immerhin ist es
seit 1991 im finnischen Reichstag Pflicht, das Parlament der Sámi anzuhören,
bevor man über Dinge entscheidet, die diese besonders betreffen oder betreffen
können. Fast alle Rechte, die den Sámi in den 1980-90er Jahren zugestanden
wurden, sind ihnen nicht in den Schoß gefallen, sondern mit Selbstbewusstsein
und politischen Engagement erstritten worden.
Erfolgreich
waren sie dabei insbesondere in kulturellen Fragen. Beispielsweise können heute
Schüler der Region muttersprachlichen Unterricht verlangen oder im Gymnasium
Sámi als freiwilliges Wahl- oder als Hauptfach gelehrt bekommen. 1994 legten
die ersten finnischen Abiturienten ihre Prüfung in Sámi ab Und seit 1992 darf
das Volk bei Behörden Sámi in schriftlicher und mündlicher Form benutzen und
eine Antwort in derselben Sprache erwarten. Doch den meisten ist das nicht
genug: Sie sehen sich als Urbevölkerung des Nordens und verlangen folglich mehr
Nutzungs- und Besitzrechte an den natürlichen Ressourcen. Denn immer noch ist
formal der Staat Eigentümer von 90 % des Sámi-Landes. Der Kampf um eine
Besserstellung vereint alle Sámi ungeachtet ihrer staatlichen Zugehörigkeit.
Eine gemeinsame Nationalhymne gibt es bereits seit 1906, eine Flagge seit 1986
und ebenfalls einen gemeinsamen Rat aller norwegischen, schwedischen und
russischen Sámi, der sein Büro in Utsjoki hat. Es geht ihnen darum,>Herr im
eigenen Haus< zu sein und zumindest Mitspracherechte und
Einflussmöglichkeiten zu haben, wenn Sámi-Interessen nicht mit denen der
nordeuropäischen Staaten identisch sind.
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