Die finnische Zweisprachigkeit

Die finnische Zweisprachigkeit

Schwedisch war nicht nur während der Jahrhunderte, in denen Finnland unter der Herrschaft des benachbarten Königreichs stand, die einzige offizielle Schriftsprache des Landes, sie war es sogar noch während der russischen Ära! Wer als Finne in Kultur, Wirtschaft, Politik und Verwaltung demnach etwas werden oder bewirken wollte, musste unweigerlich des Schwedischen mächtig sein. 

 Daneben gab es seit dem Mittelalter auch eine beträchtliche Anzahl von schwedischen Einwanderern, die sich natürlich in ihrem heimatlichen Idiom verständigen. Die lange Tradition des Schwedischen in Finnland führte allerdings auch zu einer graduell unterschiedlichen Entwicklung, die sich heute in einer anderen Phonetik und einem etwas abweichenden Vokabular äußert. Ein Schwede wird einen Finnland-Schweden also leicht erkennen: Dieser benutzt nicht den typischen, etwas hochnäsig klingenden Singsang der so genannten Reichsschweden, kennt einige altertümliche Wörter, die es im Königreich heute nicht mehr gibt und lässt manchmal auch Entlehnungen aus dem Finnischen einfließen. Nach Sprachenstreit und Emanzipation des Finnischen ist die gleichberechtigte Zweisprachigkeit offiziell, festgelegt im Sprachgesetz von 1922. Die Zahl der Schwedischsprachigen geht allerdings deutlich zurück: Um 1700 lag sie noch bei 17%, 1880 bei über 14% und heute unter 6%! Trotzdem war und ist der Einfluss dieser Gruppe größer, als es die Zahlen vermuten lassen. Darauf deuten Präsidentennamen wie Stalberg, Svinhufvud oder Mannerheim genauso hin wie Lönrot, Runeberg, Snellman oder andere Heroen der Kulturgeschichte. Auch in der derzeitigen Politik ist die Partei der Finnland-Schweden (Svenska folkpartiet) immerhin als Koalitionspartner in der 2003 gewählten Regierung vertreten. 

 Das Land, das in den offiziellen Karten also sowohl Suomi als auch Finland genannt wird, ist von der Zweisprachigkeit allerdings nicht zur Gänze betroffen, sondern nur in den historischen Siedlungsgebieten der Finnland-Schweden. Komplett schwedischsprachig ist etwa die autonome Provinz Aland, daneben gibt es aber auch eine ganze Reihe von Gemeinden an der Süd-, Südwest- sowie an der Westküste (darunter auch Helsinki und Turku), die entweder eine finnische oder schwedische Bevölkerungsmehrheit und eine starke Minorität haben. 

 In diesen Regionen werden Touristen mit der Sprachenfrage unmittelbar konfrontiert, etwa beim Studium der Landkarten oder beim Lesen von Orts- und Straßenschildern. Zwischen Vaasa/Vasa und Kokkola/Karleby beispielsweise tauchen Städtchen mit einer schwedischsprachigen Mehrheit oft nur unter ihrem Namen im Kartenmaterial auf, sodass der Reisende schon wissen sollte, dass Jakobstad auf Finnisch Pietarsaari heißt. Und bei der Suche nach einer bestimmten Adresse muss der Kopilot ein scharfes Auge haben: Auf den Straßenschildern steht nämlich manchmal der schwedische, manchmal aber auch der finnische Name an erster Stelle, und in wieder anderen Fällen findet sich etwa nur der finnische oder nur der schwedische- und das gleiche Verwirrspiel findet seine Entsprechung in den Stadtplänen… 

 

 © Dumont Reiseverlag 

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