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Finnland - Zwischen Ost und West: "Das Land der Tausend Seen"

Am 6. Dezember, dem Nationalfeiertag, singen die Finnen „Oi maamme, Suomi, synnyinmaa!“ – „Unser Land, Suomi, Vaterland!“ und tauchen ihre Heimat in ein Meer aus weiß-blauen Fahnen. Besonders dann zeigen sie sprichwörtlich Flagge und dokumentieren die Liebe zu ihrem Land, das hoch im Norden unseres Kontinents liegt.
Als der amerikanische Schriftsteller D.S. Connery Finnland einmal als den „Exzentriker Europas“ bezeichnete, meinte er damit Geografie, Sprache und Geschichte der Finnen, angesiedelt in einer östlich-westlichen Randzone und ausgestattet mit einer merkwürdigen Sprache. Vielleicht ist die periphere Lage ja dafür verantwortlich, dass lange Zeit Klischees über Land und Leute kursierten, die sich als ebenso hartnäckig wie widersprüchlich erwiesen haben. Im Übrigen sah man sich auch im Lande selbst durchaus in einer Sonderrolle: Es ist noch nicht so lange her, dass man im Urlaub „Nach Europa“ fuhr, ähnlich wie die Briten, die „auf den Kontinent“ reisen.
Historisch gesehen ist Suomi ein junges Land, das erst 1917 seine Unabhängigkeit erlangte. Über sechs Jahrhunderte waren die Finnen vom Königreich Schweden abhängig, sowohl politisch und ökonomisch als auch kulturell. 1809 schließlich wurde das Land ein Großfürstentum des zaristischen Russland. Ob man nun aber im Westen oder im Osten über das finnische Schicksal entschied, immer wieder schaffte es das kleine Land, sich der Vereinnahmung durch die Großmächte zu widersetzen und seine Identität zu wahren – und seine Sprache zu erhalten. Dieses Faktum lässt sich vielleicht auf eine Charaktereigenschaft zurückführen, die im Finnischen sisu heißt und so viel bedeutet wie „zähes Ringen“, „nicht aufgeben“, „immer wieder aufstehen“ und „rechtschaffenes Handeln“.
Gerade in der jüngeren Vergangenheit hätte man sich in Europa kaum einen ungemütlicheren Platz vorstellen können als gerade zwischen den Machtblöcken. Doch die Finnen haben sich behauptet, und zwar in einer Art und Weise, die im Ausland oft auf Bewunderung stieß. Immerhin schafften es Politiker wie Urho Kekkonen, nicht nur ihr eigenes Land geschickt durch alle Klippen der internationalen Konflikte zu navigieren, sondern auch tatkräftig auf einen Ausgleich zwischen Ost und West hinzuarbeiten.
Auch wirtschaftlich meisterte Finnland, das einst zu den Armenhäusern Europas zählte, alle Krisen, Depressionen und notwendigen Strukturwandel. Heute zählt es zu den wohlhabendsten Gemeinwesen des Kontinents. Erstaunlich, wie schnell dabei auch die Umwälzungen im Osten, die durch den Wegfall großer Märkte Finnland mit die höchste Arbeitslosenquote Europas bescherte, verarbeitet werden konnte.
Obwohl die Republik im Konzert der Nationalstaaten noch nicht allzu lange mitspielt, ist ihre reiche kulturelle Szene durchaus den Versuch einer Annäherung wert. Die Lage zwischen Ost und West, die Finnlands politische Geschichte in vielerlei Hinsicht und oft genug auch leidvoll prägte, brachte einen für das Geistesleben fruchtbaren Dialog mit sich. Ohne ihn wäre die spezifisch finnische Kultur nicht zu verstehen, der es gelang, gegensätzliche Lebensweisen und Ideologien zu vereinen und umzuformen.
Helsinki beispielsweise ist eben nicht, wie manchmal geschrieben steht, „halb Stockholm, halb St. Petersburg“ sondern unverwechselbar Helsinki. Und mit Sicherheit ist der europäische Nordosten für Bildungsurlauber kein weißer Fleck auf der Landkarte. Wer sich für Musik, für bildende Kunst, für Design und Architektur begeistern kann, wird hier auf ein überraschend vielseitiges Kulturangebot stoßen, auf alte Felstein- und Holzkirchen, auf viele Beispiele gelungener moderner Baukunst, aber auch auf eine lebhafte Musik- und Festivalszene.
In erster Linie ist es aber die Landschaft, die die überwiegende Mehrheit der Reisenden in den Nordosten Europas zieht. Hier hoffen sie auf eine stressfreie zeit und eine intakte, schöne Natur. Durchschnittlich leben nur 17 Finnen auf einem Quadratkilometer, damit zählt das Land zu den am dünnsten besiedelten in Europa. Platz genug ist also da – für die Finnen und für all ihre Gäste. Vom siebtgrößten Land Europas sind nur rund 8% als Kulturland nutzbar. Diese Relation ist im europäischen Zusammenhang einmalig, und sie macht deutlich, wie leicht es Finnland fallen konnte, sich im Fremdenverkehr als Land der Seen und der Wälder zu etablieren. Es sind also – etwa im Vergleich zum norwegischen Nachbarn – keine spektakulären, majestätischen Szenerien, die einen am Reiseziel erwarten, sondern andere landschaftliche Qualitäten wie eine moderate Natur, die einem das geben kann, was sie selbst auszeichnet: Ruhe. Und es lohnt sich, auch die Landschaftsformen bewusst zu erleben, die nicht das Finnlandklischee von Seen und Wäldern bedienen: die fruchtbaren Wiesen und Felder des Südens etwa, die Sandstrände am Bottenischen Meerbusen, die Wunderwelt der Schären vor Turku, um die Äland Inseln und vor Helsinki oder die baumlosen, abgerundeten Berggipfel Lapplands.
Abenteurern bietet das Land genug Wildmarkareale, um den Traum vom rustikalen Urlaub Wirklichkeit werden zu lassen. Hier kann man durch menschenleere Weiten wandern, tagelang mit dem Kanu unterwegs sein, auf Braunbär Fotosafari gehen, selbst gefangen Fisch am Lagerfeuer grillen und im Zelt fernab der Zivilisation nächtigen. Aber man hat auch jederzeit die Möglichkeit, das karge Lager mit dem gemachten Bett in einem modernen Hotel zu vertauschen oder eines der unzähligen Ferienhäuschen zu mieten: Die touristische Infrastruktur ist vorzüglich, und auf Gäste ist man gut vorbereitet.
© Dumont Reiseverlag
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