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Norwegen - Am Rande des Kontinents: „Die Schweiz am Meer“

Norwegen ist immer eine Reise wert. Wer einmal dieses landschaftlich spektakuläre wie vielseitige Land am Rande des europäischen Kontinents bereist hat, der wird immer wieder vom „Weg nach Norden“ angezogen werden. Und er wird dem Text der norwegischen Nationalhymne schwärmend zustimmen, in dem es heißt: „Ja, wir lieben dieses Land…“
Gäbe es einen Preis für das Land mit der bizarrsten geografischen Gestalt – Norwegen, an der schmalsten Stelle lediglich 6,3 km breit, doch in der Luftlinie 1.752 km lang, wäre seiner würdig. Im äußersten Nordwesten unseres Kontinents gelegen, zieht es sich in einem Bogen aus Bergen, Wäldern und Fjorden längs dem Westrand der skandinavischen Halbinsel über mehr als 14 Breitengrade hin und erinnert in seiner Form an einen kauernden Löwen: Seine gewaltige Kopf- und Schulterpartie ruht im Westen, die Vorderpranken bilden den Südwesten und sein langer Schwanz endet zusammengerollt im hohen Norden an der Grenze zu Finnland und Russland.
Die Längserstreckung Norwegens entspricht etwa der Distanz Oslo-Rom und ist damit die größte eines europäischen Staates. Auch die Länge der norwegischen Küste, die zwischen dem Skagerrak im Süden und der Grenze zu Russland im Nordosten von ungezählten Fjorden und buchten gegliedert wird, sucht ihresgleichen auf diesem Kontinent: Nahezu unvorstellbare 25.148 km beträgt die Küstenlinie des Landes, was fast dem halben Erdumfang entspricht. Dabei werden bei dieser beeindruckenden Zahl noch nicht einmal die Küstenlinien von Spitzbergen und einigen anderen Besitzungen in der Arktis und Antarktis sowie die Küstenlinien der dem Festland vorgelagerten 150.000 Inseln berücksichtigt – sie allein umfassen weitere 58.133 km.
Als das wohl hervorstechendste Merkmals dieses Landes, dessen Bevölkerung zu rund 80% in sichtweite der Küste lebt, kann also seine enge Verbundenheit mit dem Meer gelten, was auch der Name „Norwegen“ veranschaulicht. Er geht auf das altnordische Wort Nordvegr (Der Weg nach Norden) zurück und bezieht sich auf den Seeweg, der für viele Jahrhunderte das entscheidende Bindeglied zwischen den weit verstreut liegenden Gemeinden Norwegens darstellte. Überlandrouten nämlich gab es bis in unsere Zeit hinein nur wenige. Zudem waren sie gefahrvoll und zeitraubend, denn neben allem anderen präsentiert sich Norwegen auch als überaus steiles Bergland. Ein Viertel der gesamten Landesfläche erhebt sich höher als 1.000 m über den Meeresspiegel, und mehr als die Hälfte des Gebietes liegt noch über 500 m hoch.
Somit zählt Norwegen auch zu den gebirgigsten Ländern Europas, und es ist, als ob „ein ungeheueres Felsengebirge mit all seinen Hängen und Tälern, Zinnen und Wänden in das Meer gesunken wäre“, wie es der Reiseschriftsteller Ferdinand Krauß im 19.Jh. in seiner „Nordlandfahrt“ ausdrückte. Dieses Felsengebirge, das Norwegen in seiner gesamten Länge durchläuft, heißt das Kaledonische und ist, nach den Alpen, das ausgedehnteste und höchste Gebirgsmassiv Europas. Hier finden sich, neben anderen Superlativen, nicht nur die größten und mächtigsten Gletscher sowie die weitesten Hochebenen unseres Kontinents, sonder auch die tiefsten Wasserfälle und Seen.
Die Landschafsbilder wechseln oft auf engstem Raum: Genießt man gerade noch das Gegenspiel schwarzer Schluchten und farbenfroher Blumentäler, so schon wenig später den Blick auf weite Tundrasteppen zwischen eisverzierten Reisen. Mal geht es an weiten Schärengärten entlang, mal an majestätischen Fjorden und felsumschürten Sunden, dann wieder am offenen Meer vorbei oder an vielgestaltigen Bergen und funkelnden Gletscherkronen. Schnell kann es passieren, dass man süchtig wird nach solch extravaganten Eindrücken, und wer einmal Norwegen bereist hat, für den ist der Gedanke an Schönheit wohl für alle Zeiten mit diesem Land verknüpft.
Norwegen, „die Schweiz am Meer“, schwärmte der französische Dichter Honoré de Balzac, ist einzigartig, ja überwältigend und hebt sich mit seiner außergewöhnlichen Vielfalt an Naturformen deutlich von allen anderen Ländern Europas ab. Diesem Umstand verdankt es heute seine touristische Beliebtheit, doch bei aller Begeisterung für Norwegens urtümliches Erscheinungsbild vergisst der Reisende nur zu schnell, dass das Königreich auch ein selten gutes Beispiel für ein Land abgibt, „das von der Natur stiefmütterlich bedacht wurde“, wie es Jean Baptiste Bernadotte, Napoleons Ex-Marschall, ausdrückte, als er 1818 auf den schwedisch-norwegischen Thron stieg:
Zwar ist Norwegen das sechstgrößte Land Europas und etwa so groß wie Deutschland, doch von der gesamten Landesfläche (rund 324.000 km²) bestehen rund 74% aus Gebirgs- und Ödland sowie Gewässern; nur etwa 3% sind agrarwirtschafltich nutzbar. Das gilt als Weltrekord, der nur von Island überboten wird. Diese Zahl erklärt auch, warum hier, im Verhältnis zur Landesgröße, nur sehr wenige Menschen leben. Ca. 4,6 Mio. Einwohner zählt das Königreich, rund 14 pro Quadratkilometer, womit Norwegen, nach Island, auch das am dünnsten besiedelte Land Europas ist.
© Dumont Reiseverlag
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