Island – Das Sprungbrett nach Amerika

Die Menschen, die Tiere und die Pflanzen nahmen in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit den Weg über den Atlantik mit der Zwischenstation Island eher von Ost nach West – umgekehrt wie die Wetterfronten. Island ist auch heute noch ein „Sprungbrett“ auf dem Weg von Europa nach Amerika. Die amerikanische Entdeckung Islands erfolgte erst im 20. Jh. – aus strategischen Gründen. Die US-Amerikaner folgten dem Weg der meteorologischen Tiefs und nisteten sich auf der Insel zunächst als Dauergäste ein. Im Grunde genommen erwidern sie nur in hundertfacher Weise einen wahrscheinlich etwas kürzeren Besuch, den Nordländer von Island aus ihrem Kontinent etwa 1000 Jahre zuvor abgestattet hatten. Während des Mittelalters war also Island die Ausgangsbasis für die Erkundung des Westens. Auf diesem Wege wurden das benachbarte Grönland und die Ostküste Nordamerikas entdeckt.  

Die nordische Entdeckung Amerikas lief weniger spektakulär ab und fand weniger Beachtung als die Wieder-Entdeckung durch Christoph Kolumbus etwa 500 Jahre später. Der Zweck beider Reisen war grundverschieden. Die erste Amerikareise über Grönland wurde wohl hauptsächlich zur Beschaffung lebensnotwendiger Güter gewagt. Es fehlte den Bewohnern der Insel im Nordatlantik vor allem an Holz, denn auf Treibholz, das heutzutage in manchmal beträchtlichen Mengen angeschwemmt wird, konnte sie wohl kaum zurückgreifen. Es gab damals noch keine großflächigen Rodungen in Sibirien oder Nordamerika. Diese stellen heute die wichtigste Quelle für die angeschwemmten Baumstämme.  

Kolumbus dagegen suchte eine neue Indien-Route, um Luxusgüter nach Europa bringen zu können. Zu seiner Zeit war die erste Entdeckung längst in Vergessenheit geraten. Sie wurde den Europäern erst wieder ins Bewusstsein zurückgerufen, als die isländischen Sagas wissenschaftlich aufgearbeitet wurden und vor allem Kartenwerke mit einem geheimnisvollen >Vinland< westlich von Grönland auftauchten. Es ist im wesentlichen das Verdienst der mittelalterlichen Isländer, dass sie die Erzählungen über die Fahrten nach Westen aufzeichneten. Es befinden sich darüber Hinweise in einem Bericht von Adam von Bremen (um 1070) sowie im >Íslendingabók< und im >Landnámabók<. Viele Informationen über die Fahrten nach Grönland liefern die Grönland-Saga und die Eirik-des Roten-Saga. Zu diesen Überlieferungen fehlte bis in die 1960er Jahre der archäologische Beweis, dass Nordländer den nordamerikanischen Kontinent betraten. 

Es ist der unermüdlichen Arbeit des Norwegers Helge Ingstad und seiner Frau Stine zu verdanken, dass eine frühmittelalterliche nordische Niederlassung auf Neufundland entdeckt wurde.  

Es kann nicht mehr genau ermittelt werden, wo die Isländer nach Westen aufbrachen, ob beispielsweise die Schären vor Grönland nur durch den Zufall, durch vom Kurs abgetriebene Seefahrer entdeckt wurden. Fest steht jedoch nach den Sagas, dass Eirík der Rote 982 die Insel Grönland betrat, allerdings nicht aus dem Antrieb heraus, große Entdeckungen zu machen, sondern um sich als ein in Island Geächteter Rachakten zu entziehen. Sein Zuhause befand sich im Nordosten der Halbinsel Snäfellsnes, wo bei Eiríksstaóir noch die Überreste eines Langhauses und einer Schmiede besichtigt werden können. Eirík der Rote war im Sommer 982 mit einem Schiff und einer Mannschaft von den Klakkseyjar-Inseln im Breióafjöróur aufgebrochen, umsegelte das Kap Farvel und gelangte an die Westküste Grönlands, wo er sich an der Südwestküste niederließ.  

Das von ihm entdeckte Land bezeichnete Eirík mit dem Hintergedanken, weitere Siedler nach seiner Rückkehr von Island auf die große, mit einer Inlandeismasse bedeckte Insel zu locken, >Grönland< das >Grüne Land<. Drei Jahre später konnte er nach Island zurückkehren. Die Acht war verjährt. Doch offensichtlich konnte er in Island keinen Fuß fassen. Im Jahre 986 brach er mit einer großen Flotte und 25 Schiffen mit 300-700 Personen von dem wahrscheinlich schon zu dicht bevölkerten Island nach Grönland auf. 14 Schiffe erreichten das Ziel, der Rest kehrte entweder um oder ging auf der über 300 km langen Passage verloren. Eirík ließ sich bei Brattahlíó nieder. Seine Söhne erkundeten die Räume im Westen.  

Einer von ihnen, Leifur, ein vorzüglicher Seefahrer, brach als etwa 30jähriger im Jahre 1000 zu einer Entdeckungsfahrt auf , die ihn bis nach Amerika brachte. Auf seiner Reise nutzte er die Erfahrungen und Beobachtungen von Bjarne Herjólfsson, der auf einer seiner Fahrt nach Westen Amerika gesichtet hatte. Leifur gelangte etwa in der Höhe von Baffinland (kanadische Insel am Polarkreis) an die Küste des nordamerikanischen Kontinentes. Er folgte dem südwärts gerichteten Labradorstrom und ging in Neufundland zum Überwintern an Land, das er >Vinland< nannte. Vinland muss in der Folgezeit mehrmals aufgesucht worden sein. Der Grund für die Besuche auf dem nordamerikanischen Kontinent war der Holzbedarf, der auch in Grönland nicht gedeckt werden konnte.  

Der Beweis für die Entdeckung Amerikas von Island aus: Helge Ingstad grub 1960-64 bei L`Anse aux Meadows Reste eines Hauses nordischer Bauart aus.