Polarnacht und Mitternachtssonne

Die jahreszeitlichen Bedingungen sind in den skandinavischen Ländern wie in allen polnahen Gebieten extrem: Auf einen warmen Sommer mit langen Tagen folgt schnell ein langer Winter mit langen Nächten, die aber durch das atemberaubende Naturschauspiel des Polarlichts erhellt werden. 

Die Jahreszeiten in Finnland werden vom eurasischen Kontinentalklima bestimmt, das bei östlichen Winden im Sommer ausgesprochene Hitzeperioden und im Winter bittere Kälteeinbrüche mit sich bringt. Die warmen Golfstromwinde mildern die Klimagegensätze etwas ab, sodass die Temperaturen im Mittel um 6°C höher liegen als sonst in diesen Breitengraden. Die durchschnittlichen Niederschlagsmengen sind mit 600mm im Süden und 400mm im Norden gering. 

Innerhalb der Länder Norwegen, Schweden und Finnland gibt es aufgrund der Nord-Süd-Ausdehnung erhebliche jahreszeitliche Unterschiede. Der Sommer dauert in Inari nur etwa 51, in Helsinki aber 115 Tage! Hat die Hauptstadt nur 135 Wintertage, muss Lappland mit über 200 Tage rechnen. 

Mit der Schneeschmelze durchbricht der Frühling je nach Gegend zwischen Ende März und Anfang Juni wie eine Urgewalt die Herrschaft des Winters und überzieht in unglaublicher Schnelle das Land mit einem Blütenmeer. Das Mitsommernachtsfest läutet im Süden den Sommer ein. Dann verschwindet in Helsinki die Sonne nur kurz unter dem Horizont, und der Tag weicht einem diffusen Dämmerlicht. Mehr noch fasziniert die Mitternachtssonne (keskiyön aurinko), wenn die Sonne noch um 0 Uhr über dem Horizont steht, nicht untergeht, sondern auf ihrer scheinbaren Bahn um die Erde wieder langsam höher steigt. 

Dieser 24-Stunden-Tag fällt am Polarkreis (66°33’ nördliche Breite) mit dem 21.Juni zusammen, während in Utsjoki die Mitternachtssonne vom 17.Mai bis zum 27.Juli zu sehen ist. Trotz mancher Regenschauer ist der finnische Sommer über weite Strecken trocken und überrascht oft mit ausgesprochenen Hitzeperioden, die in Lappland schon Spitzenwerte von 35°C erreichten. 

Bereits im August werden die Tage wieder kürzer, die ersten Nachtfröste suchen Lappland heim, und der Herbst kündigt sich an. An seiner Schwelle steht ruska, wie die Finnen die kurze Zeit der grandiosen frühherbstlichen Laubfärbung bezeichnen. Im September kann bereits erster Schnee fallen, und spätestens ab Dezember herrscht tiefster Winter, und das Land liegt unter einer geschlossenen Schneedecke. 

Für die Gebiete nördlich des Polarkreises beginnt nun kaamos die Zeit der Dunkelheit. Die Polarnacht hat die gleiche Ursache wie die Mittsommernacht: Die Erdachse steht nicht senkrecht zur gedachten Ebene ihrer Umlaufbahn, sondern ist geneigt. Im nördlichen Winter erreicht das Nordpolgebiet deshalb kein Licht, während am Südpol Mittsommer ist. Die Nacht wird aber ganz im Norden dank der Schneedecke nie rabenschwarz. Hinzu kommt das Polarlicht, das sich als flatternder Vorhang, als Strahlenbündel oder als ruhender Bogen in Gelbgrün bis Rot am Himmel ausbreitet. Von der Sonne kommende elektrische Teilchen werden durch das Erdmagnetfeld zu den Polen geleitet. Wenn die Teilchen in die Atmosphäre eintreten, treffen sie millionenfach mit den Atomen der Erdatmosphäre zusammen, wodurch das Polarlicht entsteht. 
 
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